Die etwas andere Seite – Teil 2

Kulturschock und der eigentliche Grund für unser Hiersein

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Wir sind nicht ohne Grund hier. Von vielen kaputten Familienverhältnissen habe ich den Bibelschülern im Vorfeld erzählt, von Kindern und Jugendlichen, die nie die Liebe und Geborgenheit erleben, die für eine gesunde Entwicklung notwendig wären, von einer Kirche, die oft nicht Evangelium, sondern Gesetz predigt, von den vielen Alkohol-, Drogen- und Suizidproblemen,… Und das holt uns alle hier nun auch kräftig ein. Neben allem, was interessant und zum Teil auch witzig ist in der Begegnung mit der so anderen Kultur, es gibt auch vieles, was frustriert, was sehr betroffen und manchmal auch zornig macht:

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Da ist z.B. der Frust, wenn man in einem Gottesdienst sitzt, in dem man kein Wort versteht. Und niemand, der sich neben einen setzen würde, um einem wenigstens die wichtigsten Dinge zu übersetzen! Am vorletzten Sonntag hat Nic darüber echt die Krise gekriegt. Dabei saß sie neben mir … – allerdings in einer Gemeinde, in der nicht Pohnpeisch, sondern Kapingamarangi gesprochen wurde, wo ich also selbst auch so gut wie nichts verstanden habe 🙂 . Die Bibelschüler haben das jeden Sonntag – und müssen oft froh sein, wenn sie mitkriegen, welches der Predigttext ist. Nicht leicht…

Auch sonst geben anhaltende Verständigungsprobleme immer wieder Anlass für ziemlichen Frust. Da haben Michal und Franzi in Mwalok nun endlich einen Termin für den Jugendkreis ausgemacht – nur um dann doch wieder alleine vor Ort zu sein und sich dann doch erst am nächsten Tag mit den Jugendlichen treffen zu können. Oder man stellt Fragen, und die einzige Antwort die kommt ist ‚It’s up to you!‘ – was so viel heißt wie ‚Macht ihr mal – aber ob das für uns auch so passt, das sagen wir euch nicht, das seht ihr dann (vielleicht) an unseren Reaktionen…‘ Trauen sie sich nicht, uns zu sagen, was sie wirklich denken? Warum ist das sooo kompliziert???

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Oder das mit dem Essen: dass da manches fremd ist (siehe die Kommentare zur Brotfrucht aus Salapwuk 🙂 ) und man oft trotzdem so tun muss, als würde es einem gut schmecken, das ist die eine Herausforderung. Aber die andere ist die, dass die Bibelschüler als Ehrengäste in vielen Situationen so gesondert behandelt und versorgt werden, dass es auch einer gewissen Isolation gleicht kommt. Stell dir vor: das Essen wird gebracht und dann sollst du essen, während die Leute dir zuschauen. Sie selbst essen erst nach dir, und mit der Zeit weißt du auch, dass sie auf deine ‚Reste‘ warten. Sie dazu zu bewegen, dass ihr miteinander esst, ist oft nicht möglich. Und wenn sie dann während du isst, auch nicht mit dir reden, sondern schweigend zuschauen oder nur untereinander reden, dann ist es schwer, wirklich mit gutem Appetit zu essen.

Tiefere Betroffenheit und auch Zorn lösen allerdings in nahezu allen Teams die immer wieder kehrenden Beobachtungen über den Umgang mit Kindern aus. Kinder, die ganz oft einfach nur als lästig weggeschickt oder zum Teil auch willkürlich geschlagen werden. Und selbst dort, wo sie wirklich etwas ‚ausgefressen‘ haben, kennen manche Eltern in ihrem Zorn kein Maß, und du siehst die blauen Flecken an den Kindern, wenn sie am nächsten Tag in die Kinderstunde kommen. Dann hörst du z.B. das Schreien eines Kindes aus dem Nachbarhaus – und es ist eindeutig kein Zorngeschrei, sondern Angst und Schmerz, was darin zum Ausdruck kommt. Außerdem hörst du die Schläge… Das tut dir selbst weh, und es macht zornig – aber dann spürst du wieder deine Hilflosigkeit, weil du weißt, du kannst nicht wirklich etwas verändern.

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Mir selbst geht es derzeit immer wieder mit alten Leuten so, dass ich heulen könnte, wenn ich sehe, wie unversorgt manche von ihnen sind. Ngulitl z.B., eine ganz liebe alte Frau, mit der ich früher immer wieder Kinderprogramme gestaltet habe. Sie hat acht Kinder zur Welt gebracht, und dennoch ist sie jetzt als Witwe mit ihren 77 Jahren heimatlos. Keines ihrer sieben noch lebenden Kinder ist in der Lage und/oder bereit, ihr für den letzten Abschnitt ihres irdischen Weges die Geborgenheit zu geben, die sie jetzt, wo sie immer schwächer wird, so dringend bräuchte. Kein Wunder, dass sie Angst hat und die Tränen kommen, als sie mir davon erzählt.

Diese und so manche anderen Dinge machen uns allen ziemlich zu schaffen. Ein Teil davon hat mit dem ganz normalen Kulturschock zu tun, aber anderes geht tiefer und rührt deutlich an den Grund für unser Hiersein. Freude, Liebe und Licht – d.h. das Evangelium, unseren Herrn Jesus Christus – in so manch eine dunkle Situation hineinzutragen. Aber dafür braucht es zwei Dinge, für die wir euch bitten ganz besonders zu beten:

  • dass wir selbst unseren Herrn tagtäglich erleben, Seine Stimme hören und uns als von IHM Beschenkte erfahren
  • …und dass wir das (normale!) Tal im Prozess der Kulturanpassung möglichst bald hinter uns lassen können, so dass das Fremde an den Menschen uns nicht mehr so sehr irritiert, dass wir es innerlich abwehren müssen, dass wir möglichst bald dorthin kommen, wo die kulturellen Dinge vertrauter werden und wir das Fremde auch wieder als bereichernd erleben können. Damit werden wir dann auch frei, um uns auf den eigentlichen Grund für unser Hiersein zu konzentrieren.

Danke für euer interessiertes Begleiten und Beten!

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2 Kommentare
  1. Gabriele
    Gabriele sagte:

    Danke für Deinen Bericht. Obwohl es so traurig ist, ist es so hilfreich durch Euch mitzuerleben, wie schwer Mission ist. Das verhilft mir in diesem Punkt zu größerem Realismus und bestärkt mich in der Fürbitte, weil bei euch ganz deutlich wird, wie abhängig wir von Gottes Wirken sind. Ich bete für Euch, dass Gottes Nähe stets euer Glück ist, das euch niemand und keine Umstände nehmen kann, vielmehr dass die Erschwernisse euch näher zu ihm und damit zu den Menschen wachsen lassen. Ich befehle Euch alle seiner Liebe und Nähe an.

    Gabriele

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